Weil ich fett und schwabbelig und unförmig bin. Aus den Fugen geraten. Zu viel. Weil ich im luftleeren Raum schwebe und definitiv Halt brauche, nicht weiß, in welche Richtung ich gehen soll oder ob ich mich überhaupt bewegen kann, und wenn ja, ob ich es alleine schaffe oder Hilfe brauche, und wenn ich Hilfe brauche – auf wen kann ich mich dann verlassen?
Ich heule, weil ich genau weiß, dass ich das Einzige, von dem ich genau weiß, dass ich es will, nicht kriegen werde. Und weil ich mir in dem Punkt sicher sein kann, dass es ganz einfach wäre, hätte ich den Ehrgeiz und das Durchhaltevermögen, wäre ich einfach gut genug. Bin ich aber nicht.
Dieser Gedanke erschlägt mich immer wieder, wenn ich beginne, mich in Illusionen zu verlieren. Illusionen, ich wäre etwas Besonderes, wäre herausragend in diesem oder jenem oder zu einem bestimmten Zweck auf der Welt. Und schon kommt die Ernüchterung mitten aus dem wohl funktionsfähigsten und realistischsten Teil meines Gehirns und sagt: Du bist überhaupt nichts.
Du währst nicht länger als ein Menschenleben, wenn überhaupt. Für manche Personen existierst du genau anderthalb Stunden lang, und dann bist du für immer aus ihren Köpfen verschwunden.
Wobei für immer heißt: für den Rest ihres eigenen Lebens. Aber kaum hab ich mich damit abgefunden, dass auf Dauer fast nichts eine Bedeutung hat, verleihen mir die verschiedensten Menschen aus verschiedensten Gründen das Gefühl, etwas durch und durch Überdurchschnittliches zu sein.
Ich blicke in den Spiegel und erkenne mich nicht wieder, erkenne den Menschen nicht, den andere in mir sehen. Und wenn mich andere sowieso nicht so sehen, wie ich eigentlich bin, sondern als jemand mir völlig fremdes, was macht es dann für einen Sinn, überhaupt eine Identität zu haben?
Angeblich bin ich wunderbar dünn, unglaublich durchtrainiert, auch ungeschminkt hübscher als die perfektesten Make-Up-Artisten aus meinem Jahrgang, kriege fast mühelos die besten Noten und habe ein Talent mich auszudrücken und zu schreiben.
Darüber hinaus bin ich ja so reif für mein Alter, selbstbewusst, gehe offen und freundlich auf neue Menschen zu, bin zuverlässig und vertrauenswürdig, man kann Spaß mit mir haben, ich kann gut zuhören und tanzen und saufen und es ist ja wirklich bewundernswert, dass ich noch nie geraucht habe, außerdem bin ich eine Lebenskünstlerin, kreativ und sprachbegabt.
Ich gucke in den Spiegel und sehe ein leeres, aufgedunsenes Gesicht, das ausdruckslos zurückglotzt. Manchmal wache ich nachts aus einem ekligen Traum auf und ekle mich vor mir und meinem viel zu massigen Körper.
Auf der Straße gucken mir Männer hinterher. Selbst wenn ich vom Sport komme, in riesigen Jogginghosen, verschwitzt und mit Pferdeschwanz. Und ich verstehe sie nicht, ich kenne das Mädchen nicht, das sie sehen. Ich verstehe so vieles nicht und das macht mir Angst. Ich habe Angst, wenn mir an manchen Tagen ein Riesenhaufen schöner Dinge begegnet, und ich weiß nichts damit anzufangen.
Ich habe viel zu viel Angst vor viel zu vielen Dingen. Davor, weniger gut zu sein, als ich es bin. Vor meiner Zukunft. Vor meinem Leben, vor dem Tod, vor allem. Es macht mich nervös, wenn die Leute mich fragen, was ich nach dem Abi zu tun gedenke. Was ich denn so geplant habe. Ich kriege morgens Panik, wenn ich die Augen aufmache und merke, dass immer noch alles da ist und ich mich immer noch um alles kümmern muss, dass von mir erwartet wird, dass ich aufstehe und zur Schule gehe. Gleichzeitig wird mir schlecht vor Unruhe, wenn ich daran denke, dass für diesen Dezember mal wieder ein Weltuntergang vorhergesagt wurde und dass dann einfach alles vorbei sein könnte. Dass zwangsläufig irgendwann alles vorbei sein wird.
Ich drehe innerlich durch, wenn ich in der Pausenhalle sitze und den Gesprächen meiner Freundinnen lausche, und wenn ich dann merke, dass mir das alles am Arsch vorbeigeht und ich nichts beizutragen habe. Ich will aufstehen und wegrennen, die Enge nimmt mir die Luft und die klare Sicht.
Ich bin viel zu ehrgeizig und will vor allem meinen eigenen Erwartungen entsprechen.
Jeden Tag wünsche ich mir, endlich mal krank und von allen Pflichten entbunden zu werden, aber gleichzeitig weiß ich, dass ich mir das niemals erlauben würde. Mein Spiegelbild sieht aus wie jemand, der nicht mehr zu tun hat als andere Teenager, einer, dem sogar so einiges in den Schoß fällt, ohne dass er sich besonders anstrengen muss.
Aber ich komme nicht klar und frage mich, was eigentlich mit mir nicht stimmt und was mich von den anderen unterscheidet.
Und dann kommt jemand und erzählt, das hast nicht nur du, das hat jeder, das nennt man Pubertät. Nichts Besonderes. Geht vorbei, alle deine lächerlichen Probleme sind nur temporär.
Das kannst du in jedem beliebigen Elternratgeber nachlesen.
Schön und gut, aber wenn alle so denken wie ich, warum redet dann keiner darüber? Warum denke ich dann ununterbrochen, mich mit den perfekten, sorglosen, glücklichen Kindern meiner Schule messen zu müssen, wenn sie eigentlich genau so versaut sind wie ich?
Wenn jeder auf der Welt die gleichen Probleme hat, warum tun dann alle so, als gäbe es nichts zu besprechen? Ich fühle mich furchtbar allein unter Tausenden, die wahrscheinlich genau so denken wie ich, und habe keine Lust mehr, mich für irgendetwas anzustrengen. Ich bin mir sicher, ich bin auf der Straße schon an vielen fremden Menschen vorbeigelaufen, die mich verstehen, denen ich Dinge erzählen kann, die ich nie zuvor ausgesprochen habe, und es wäre okay. Aber ich fühle mich selbst neben meinen Lieblingsmenschen meist unverstanden und missverstanden, außerstande, ein Statement zu liefern – allein, allein, allein.

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