Montag, 13. Juni 2016

"Weil ich mich selbst nicht mehr ertragen kann, wenn ich nichts tue"

"Das Andere ist das Ergebnis des Unmuts, des Zorns, der Unangepasstheit einiger weniger, der Nonkonformisten. Aber wenn wir akzeptieren, dass es immer nur ein paar wenige sein werden, die sich das Andere ausdenken, wie schafft man es dann, dass sie auf der Grundlage dieses Wissens nicht irgendwann Privilegien beanspruchen? Wie erschafft man eine nichtautoritäre Avantgarde? Eine, die nicht aufhört, die Dinge zu hinterfragen?"
- Martín Caparrós, Der Hunger oder Wie zum Teufel können wir weiterleben, obwohl wir wissen, dass diese Dinge geschehen?

Es ist so einfach, sich zu positionieren. Voraugesetzt, man hat das Privileg, sich weiterbilden zu können, überhaupt über große Zusammenhänge nachdenken zu können, weil man mit nichts Essentiellerem beschäftigt ist, vorausgesetzt, man tut es tatsächlich mehr oder weniger, denken, meine ich, anstatt alles, was einem sowieso in den Kram passt, hinzunehmen. Vorausgesetzt, man hat diesen ersten und zweiten Schritt schon hinter sich und das ein oder andere hinterfragt, dann muss es so wahnsinnig einfach sein, sich einen Platz zu suchen, der einem gefällt, der in das eigene Weltbild passt, oder besser gesagt, sich ein Weltbild zu suchen, in dem man sich seinen Platz nicht noch großartig erkämpfen muss, sondern sich einfach niederlassen kann, ohne sich selber verändern oder hinterfragen zu müssen.
Man positioniert sich - für etwas, zwangsläufig gegen etwas, oder andersrum - und dann gibt es genug Leute, die das scheiße finden, und genug Leute, die sich dazusetzen und das genau so sehen. Dann kann man sich mit diesen Leuten unterhalten und sich verstanden fühlen.
Glaube ich. Ich stelle mir das so verdammt einfach vor.

In den letzten Wochen habe ich immer wieder viel zu lange Gespräche mit Menschen geführt, die sich bereits positioniert hatten: die sich hingesetzt haben und deswegen nicht verstehen, dass und warum ich keinen festen Standpunkt haben will und auf gar keinen Fall eine Position, dass ich hier und da etwas gut finde und hier und da aber auch manches absolut scheiße. Dass ich natürlich trotzdem gerade dadurch auch irgendwo hingestellt werden kann. Ich kann aus meiner Haut und meinem Blickfeld nicht raus, ich habe von Geburt an nur diese eine Perspektive. Ich weiß nicht, ob ich dankbar sein sollte, dass das ausgerechnet die Perspektive eines weißen, gebildeten, mehr oder weniger freien Menschen in einem europäischen, reichen, mehr oder weniger mächtigen Land ist. Aber diese Perspektive ermöglicht es mir auf jeden Fall, über andere Perspektiven nachzudenken. Und das tu ich. Bei allem was ich sehe, höre, denke, sage, tue, stelle ich mir gleichzeitig die Frage, wie viel davon durch mein kulturelles, politisches Umfeld geprägt ist und wie es aus diesem Umfeld herausgelöst aussehen würde oder in einem völlig anderen Umfeld. Ich bin - zumindest bis jetzt - zu dem Ergebnis gekommen, dass dies für mich die einzige Art ist, die Welt und mich selbst wahrzunehmen.

Und jetzt habe ich den Faden verloren. Ich verliere ständig den Faden darüber, mich auszuschimpfen, weil ich in all meiner gedanklichen Biegsamkeit und Offenheit und Skepsis, so paradox das klingen mag, ja im Grunde nur einen weiteren statischen Punkt erreicht habe, nämlich den, immer gedanklich biegsam und offen und skeptisch zu sein, und das ist eine Spirale, die immer winzigere Kreise um sich selbst dreht und mich auffrisst.
Neulich hat ein sehr junger evangelischer Pastor zu mir genau das gesagt: "Dadurch, dass du davon ausgehst, es gebe mehrere Wahrheiten oder keine absolute Wahrheit, vertrittst du ja gerade deine eigene absolute Wahrheit." Und das von einem evangelischen Pastor. Entschuldige, aber wie kannst du, der du das unveränderlichste und statischste aller Weltbilder vertrittst, nämlich ein religiöses, mir in meiner Flexibilität vorwerfen, unflexibel zu sein? AHA! Jetzt bist du, wo wir dich haben wollten. Klingt da etwa persönliche Kritik am Glauben durch? Ist das etwa ein Urteil? Sagtest du nicht, du versuchst, dich in alle erdenklichen Perspektiven hineinzuversetzen?

Seht ihr. Und wenn ich von Anfang an gesagt hätte, Gott finde ich scheiße, dann wäre das ein Standpunkt gewesen, bei dem ich den evangelischen Pastor sicher nicht auf meiner Seite gehabt hätte, bestimmt aber genug andere Leute, von denen ich mich bestätigt gefühlt hätte, und auf dieser Grundlage hätte man eine hervorragende, nirgendwohin führende Diskussion über den Sinn von Religion starten können, und niemand hätte mich der Heuchlerei bezichtigt, am allerwenigsten ich selbst. Mein Wunsch, später mit Schreiben bekannt zu werden und Geld zu verdienen, wird wohl schon daran scheitern, dass ich nicht schreiben kann, wenn ich keine Aussage treffen will, wenn ich selbst die Aussage, dass ich keine Aussage treffen will, noch doppelt und dreifach hinterfrage. Ich bin ein einziges sich in den Schwanz beißendes Dilemma. Natürlich könnte ich mich auf meine Wut konzentrieren oder auf meine Liebe.

Meine Wut: Ich hasse es, dass Menschen vergewaltigt werden. Ich hasse es, dass nicht jeder Mensch mit dem grundlegenden Wissen geboren wird, dass er genau so viel oder wenig wert ist wie jeder einzelne andere. Ich hasse es, dass Menschen so viel wegwerfen, nicht nachdenken, Macht ergreifen, sich herausnehmen, über andere zu bestimmen, und sich dabei auch noch im Recht glauben. Ich hasse es, dass Menschen scheinbar lieber streiten, um stehenbleiben zu können, als vielleicht mal einzuatmen und sich ein kleines bisschen zu bewegen und auszuatmen und dadurch vielleicht einen Konflikt gelöst zu haben. Ich hasse all das. Ich könnte wirklich ununterbrochen im Strahl kotzen.

Meine Liebe: Ich liebe Musik und Kunst im Allgemeinen, weil sie so gar keinen Anspruch auf irgendeine Wahrheit hat und deswegen, weil sie einfach nur für sich selbst existiert, genossen werden darf. Ich liebe Begeisterung. Ich liebe tanzen, ich liebe Menschen im Allgemeinen, vor allem diejenigen, die aus welchen Motiven auch immer gute Sachen machen, ohne einen Gegenwert zu verlangen. Ich liebe Kaffee und Bücher und Rosensträucher und mein Studium und Sonnenlicht und gemütliche Betten. Ich habe großes Potential, jeden Tag, ständig, oberflächlich betrachtet vielleicht grundlos, glücklich zu sein.

Wenn nicht. Wut und Liebe so eindimensional wären.
Wenn ich nicht immer wieder von vorne anfangen würde.
Wenn ich nicht das Gefühl hätte, das kann nicht alles sein, das kann vor allem nicht das Entscheidende sein, das irgendeinen Unterschied macht, wenn es denn einen geben muss, wenn es denn einen geben kann.
Am Ende all dieser Gedankenschleifen steht immer, einem endgültigen Kopfschuss gleich, die Gegenfrage: und wenn du immer so weiterdenkst, du Super-Denkerin, dann passiert sowieso nichts, dann hast du am Ende nichts erreicht, außer dass du dir bald deinen Kopf abgedacht hast. Und BOOM.

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