Alright.
Das wird jetzt richtig seltsam.
Fünf Jahre nach meinem letzten Post und dem letzten Post überhaupt auf diesem Blog, den ich vor über zehn Jahren erstellt habe, zusammen mit einer Person, die damals meine beste Freundin war und mit der ich seit mindestens sieben Jahren kein Wort mehr gewechselt habe und von der ich keine Ahnung habe, wo sie ist und wie es ihr geht (Ann? Wo bist du? Wie geht es dir?) sitze ich in meiner Küche - in der Wohnung, die allein meine ist und in der ich in der Küche sitzen kann, wann und solange ich will - und zünde mir einen THC-losen Joint an, denn ich habe beschlossen, jetzt, wo ich mich eine Stunde lang schlaflos durch mein Bett gewälzt habe und dann zwei Stunden lang unendlich fasziniert diesen Blog von Anfang bis Ende durchgelesen habe, werde ich vermutlich auch nicht mehr schlafen, und kann genauso gut... schreiben.
Ich habe den Eindruck, ich schreibe wieder.
Schreibe ich wieder?
Acht Jahre, nachdem meine Schreibblockade eingesetzt hat, aus Gründen, die bis heute unerfindlich geblieben sind - acht Jahre, nachdem ich plötzlich ein Gefühl der absoluten Leere verspürte, jedes Mal, wenn ich einen Stift und ein Blatt Papier in die Hand nahm, und die Gewissheit, dass nichts von dem, worüber ich schreiben wollen könnte, es wert ist, festgehalten zu werden?
Vielleicht:
Ich traue mich noch keine Antwort. Vielleicht begann es mit dem Füller. Mein Freund wollte mir einen Füller zum Geburtstag schenken, und ich durfte ihn mir aussuchen. Ich wählte ein sauteures, sehr klassisches, schwarzgoldenes Kaweco-Modell mit breiter Feder und Gravur: "let us go then ..." Er kam mit extrafeiner Feder. Und das l im Zitat war großgeschrieben. Ich mochte ihn, und ich mochte ihn nicht. Ich regte mich insgeheim über meinen Freund auf, weil er zwei Fehler in der Bestellung gemacht hatte, und hasste mich für meine Undankbarkeit. Dann riss ich mich zusammen und bestellte im Fachhandel eine breite Feder, die sich aber eine Woche und zwei Wochen später immer noch nicht blicken ließ. In einem Anfall von Impulsivität und dem Bedürfnis, zu schreiben, kaufte ich mir in einem unwiderstehlichen Schreibwarenladen im Eppendorfer Weg einen spottbilligen Plastikfüller von Kaweco in dunkelblau, fühlte mich schlecht dafür und entschuldigte mich mit dem Vorhaben, ihn nur als Übergangsstift und nur mit blauer Tinte zu benutzen, während der geschenkte Füller schwarze Tinte bekommen und meine innersten Gedanken zu Papier bringen sollte. Zwei Monate später - ich hatte mittlerweile etliche Seiten mit dem Übergangsfüller gefüllt - kam die breite Feder endlich an, ich setzte sie ein, und ich fing an zu schreiben, mit schwarzer Tinte. Irgendwas war falsch. Ich konnte mit diesem Scheißteil einfach nicht schreiben, es lief nicht, es fehlte immer die Hälfte des ersten Buchstaben eines Worts oder der Punkt auf dem i, es machte mich wahnsinnig. Ich fing heimlich und mit schlechtem Gewissen wieder an, den Übergangsfüller zu benutzen, den ich mir selbst gekauft hatte. Irgendwann saß ich mit meiner Mama vor einer Bar in Berlin und besprach mit ihr meine Zweifel an meiner Beziehung, und ich gestand mir ein, dass ich niemals mit dem Füller schreiben würde, den mein Freund mir geschenkt hatte, und ich tauschte die blaue Tintenpatrone gegen eine schwarze und akzeptierte meine Undankbarkeit.
Seitdem habe ich wieder angefangen - zögerlich zunächst, zu besonderen Anlässen, wenn mich ein bestimmtes Gefühl nicht schlafen ließ, weil es erst ausformuliert werden wollte, weil ich mich nach dem Exorzismus sehnte, der der Prozess des Schreibens für mich immer gewesen war. Und dann immer regelmäßiger, und auch, wenn ich glücklich war. Nicht in ein bestimmtes Tagebuch, sondern einfach in mein Notizbuch, zwischen to dos und Einkaufslisten und Notizen für die Arbeit und Kritzeleien, um mich nicht vor meiner eigenen Courage zu erschrecken.
Und jetzt sitze ich hier, mit Dutt und Brille im Schlafanzug um drei Uhr morgens, rauchend, an meinem eigenen Küchentisch vor meinem Laptop, und bin basically Carrie Bradshaw. (Spaß.)
Ich konnte nicht schlafen, weil ich mich mit der Entscheidung quäle, ob ich meinen Freund verlassen will. Weil ich Zweifel in mir wahrnehme, die ich immer deutlicher als dieselben erkenne, die ich immer schon hatte und von denen ich dachte, ich hätte sie für diesen Mann endlich und endgültig überwunden. Und weil ich mein Leben kreisförmig oder zumindest spiralförmig lebe, tat ich, was ich schon immer tat, wenn mich nachts zu große Gedanken um den Schlaf brachten - ich las meine alten Texte. Und ich bin erschüttert und zutiefst gerührt darüber, wie wenig sich mein Kern geändert hat und wie sehr ich mich wiedererkenne, wie gut ich mich kenne, gerade durch das Schreiben, gerade durch das Lesen von dem, was ich früher mal geschrieben habe, und ich beginne, mir einzugestehen, dass die Zweifel legitim sind und echt und anhörenswert, mir einzugestehen, dass ich meine Entscheidung vermutlich schon getroffen habe. Da ist auch ein ungläubiges, mit zartem Stolz umsponnenes Staunen, als ich feststelle, dass ich genau die Person geworden bin, die ich immer sein wollte. Dass meine Träume über mich selber, die ich mit 16 hier veröffentlicht habe, Realität geworden sind, ohne dass ich mir des Prozesses bewusst gewesen wäre. Und da ist eine unbändige Freude, ein schelmisches Gefühl von "Who knew?", als mir klar wird, wie viele der Menschen, die mir damals wichtig waren, immer noch oder wieder ein Teil meines Lebens sind. Und wer alles hinzugekommen ist. Allerdings entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass der allererste und der vorerst allerletzte Eintrag beide gleich enden, nämlich mit der bitteren Gewissheit, dass ich immer allein sein werde. Ich bewundere das paradoxe Ausmaß an Wachstum und Gleichartigkeit, das in zehn Jahre passt.
Vielleicht ist es also an der Zeit, mal wieder zu schreiben. Und ein paar lose Fäden zu vertäuen, die sich von den alten Posts auf diesem Blog durch meine unbeschriebenen Jahre bis hin zur heutigen Nacht ziehen.
Etwas, das ich mir immer mal wieder vorgenommen hatte: die Tagebücher von 2015 bis 2023 einfach nachzuholen, unsystematisch, intuitiv; aufzuschreiben, woran ich mich erinnere, wenn ich mich gerade daran erinnere, ungeachtet der Tatsache, dass der Eintrag unerträglich zeitversetzt entsteht, und die Lücken zu füllen. Zu schreiben über meine Zeit im Bachelorstudium und in meiner ersten WG auf St Pauli, meine Zeit mit Jamie, die Zeit in Lissabon und die Zeit mit Alex, die Zeit, in der ich Myro kennenlernte und eine Pandemie passierte, weshalb die Zeit in Brasilien nicht passierte, weshalb ich in der Zeit, die seitdem vergangen ist, zu einem anderen Menschen geworden bin - und auch wieder nicht. Über die Zeit, die ich für Kai Monheim arbeitete und die Zeit in der Teigfabrik, meine Zeit im Master und die Zeit, in der ich meine Abschlussthesis schrieb, die vieles änderte, die Zeit in Berlin und alles, was dazwischen war.
Vielleicht finde ich gerade zurück zu mir selbst.
Wo anfangen?
Wo anfangen?
Vielleicht mit einem remake des "thank you"-Posts aus Australien, der mich in seiner Unmittelbarkeit besonders berührte, weil ich feststellte, dass ich mich an manche der Personen, denen ich ein "I love you" gewidmet hatte, kaum noch erinnere, sie aber durch das Lesen dieser kurzen Absätze plötzlich wieder lebendig wurden. Vielleicht so.
Oder mit einem remake der zwei Posts, in denen ich Dinge aufgelistet habe, die ich mag. Eine Kurzinventur der Freude und Dankbarkeit. Ja. Dankbarkeit ist immer der erste Schritt.
Ich dreh mir jetzt noch einen. Und dann mach ich weiter. Dann fang ich an.

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