Montag, 20. Juni 2016

"zu wertend!"

Kürzlich war ich eine von zwanzig Teilnehmern eines Seminars mit dem Namen "Medien praktisch - Der Weg zur guten Reportage". Wir alle hatten ein Motivationsschreiben abgeben müssen, weil sich so viele für die Veranstaltung eingetragen hatten - ein Blockseminar, drei volle Tage, vier Leistungspunkte. Ich war voller Vorfreude, endlich aus erster Hand zu erfahren, was, praktisch gesehen, "gut geschrieben" ist, das Handwerk, die Techniken zu lernen.
Um mir dann von unserer Dozentin, die nicht einmal Printreporterin war, sondern für NDR Info, also im Hörfunk arbeitete, anhören zu müssen: Schreibt kurze Sätze. Benutzt viele Adjektive. Beschreibt ganz genau: was macht eure Beobachtungen anders als die anderen? Eine Reportage ist ein subjektiver Text, ihr berichtet nicht sachlich, ihr schreibt, was IHR seht.
So weit stimmte ich mehr oder weniger überein.
Und dann, zu jedem zweiten vorgelesenen Geschreibsel: "Zu wertend."
Zu wertend?
Entschuldigen Sie. Ich bin ein Mensch. Ein Mensch, der einen subjektiven Text schreibt. Wenn Sie mir sagen, schreiben Sie eine wissenschaftliche Abhandlung über die Gründe von Magersucht bei jungen kaukasischen Frauen, dann seien Sie versichert, dass ich nichts als Fakten aneinanderreihen werde. Ansehlich in Sprache verpackt, aber dennoch: wie ich über sich im Überfluss zum Nichts hungernde Lebensverweigerinnen denke, wird in dieser Abhandlung keinen Platz finden. (Hier schon: irgendwo kann ich sie sehr gut verstehen, die Verweigerinnen.)
Aber wenn Sie mir sagen: Schreiben Sie, was Sie sehen. Wecken Sie Emotionen. Reißen Sie mit.
Dann tu ich das. Mit dem, was ich sehe. Mit meinen Emotionen. Und natürlich ist das dann wertend, das ist das Wahrste, was Sie von mir kriegen werden, denn Ihreren blödsinnigen Korrekturen folgen - verlagert doch eure eigenen Empfindungen einfach in eure Hauptcharaktere! Anstatt zu schreiben, dass etwas ergreifend ist, schreibt ihr, dass Frau Soundso das ergreifend findet! - empfinde ich als absolut dreistes Lügen, Punkt.
Mal ganz ernsthaft: Ich kann keinen journalistischen Text ernstnehmen, einen also, der einen klitzekleinen Wahrheitsanspruch hat, in dem der Autor allwissend daherkommt und schreibt, dass Frau Soundsos "Augen glitzerten, weil sie an Herrn Soundso dachte", oder dass sie "sich müde fühlte, weil sie seit Tagen auf den Beinen war und sich keine Pause gönnte, ununterbrochen musste sie nämlich an Herrn Soundso denken". Moment, aber. Bin ich die Einzige, die sich fragt - woher der Reporter das wissen will? Wörtliche Rede - gerne. Indirekte Rede - meinetwegen. Aber einfach schreiben, so wäre es gewesen, während man gleichzeitig nicht schreiben darf, wie es in der eigenen Wahrnehmung tatsächlich gewesen ist, das entzieht sich meinem Verständnis für sinnvollen Journalismus. Kann gut damit belegt werden, was wir im ersten Semester Ethnologie im Zusammenhang mit der Writing Culture Debatte besprochen haben: Ein nonfiktionaler Text ist nie das Abbild der Wirklichkeit. Ein Text muss transparent sein, der Autor muss deutlich machen, was seins ist und was nicht, damit der Leser sich überlegen kann, was er dazu denken mag.
Kann man also sagen, dass mein erster Versuch, mich praktisch weiterzubilden, fehlgeschlagen ist, aufgrund von Unprofessionalität. Ob das jetzt meine eigene war oder die meiner Dozentin, bleibt noch zu diskutieren.

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