Sonntag, 27. August 2023

Myro,

heute habe ich dich verlassen. 

Vielleicht liest du irgendwann diesen Brief. Vielleicht liest du ihn nie. Ich werde ihn nicht abschicken, denn du hast mich gebeten, dich nie wieder zu kontaktieren. Aber ich werde ihn hier lassen, und vielleicht wirst du eines Abends in ferner Zukunft schwach und besuchst diesen Blog, vielleicht in der Hoffnung, in der Befürchtung, da stünde etwas Neues. Vielleicht auch nicht, dann bleibt es ein Brief an mich selbst. Auch gut.

Wenn ich schätzen müsste, würde ich sagen, mindestens 60% meines Gehirns - meiner Gedanken, Gefühle und Erinnerungen - sind für mich gerade nicht erreichbar, sonst wäre ich nicht so ruhig. Ich merke gerade, wie die Schreibblockade wieder von mir Besitz ergreifen will, und schreibe dagegen an. Ich will wissen, was du jetzt machst, denkst, fühlst, machst, machst, ob ich mir Sorgen um dich machen muss, ich will wissen, ob du mich gerade innerlich hundertmal addressierst, anschreist, anbettelst?, mir vielleicht ins Gesicht schlägst, ob du über unser - ich will es nicht mal Gespräch nennen - heute nachdenkst und findest, du hast alles richtig gemacht, findest, du hast vergessen, noch eine bestimmte Gemeinheit loszuwerden oder einen Satz, mit dem du dich jetzt besser fühlen würdest, ich will wissen, ob du dich abschießt, dich mit wem triffst, direkt losstürmst. um alles zu vergessen, ob du sämtliche Fotos von mir wegschmeißt, was du mit dem Bild aus der Koralle machst, das ich dir zu unserem ersten Jahrestag geschenkt habe, wie du dich fühlst, wenn - falls - du dich in dein frisch bezogenes Bett legst, ob du nicht schon, als du das Bett frisch bezogen hast, wusstest, dass ich mich heute nicht mehr hineinlegen würde und wie du dich dabei gefühlt hast, ich will wissen, ob du denkst, dass du im Recht bist, dass irgendjemand in dieser Situation im Recht sein kann, ob du denkst, dass ich eine egoistische Schlampe bin, die dich nicht verdient hat, dass du dich niemals auf mich hättest einlassen sollen, dass es sich nicht gelohnt hat, dass alles falsch war; ich will wissen, ob du darüber nachdenkst, dir etwas anzutun, ob du überhaupt schon irgendwas fühlst oder noch taub bist, ob du wirklich daran glaubst, dass wir uns nie wieder sehen und nie wieder miteinander reden werden. Ich will wissen, was eine Beziehung zwischen zwei Menschen wert ist, die darauf beruht, alles für diese zwei Menschen zu sein, aber wenn einer es wagt, sie zu beenden, dann ist sie tot für immer. Wie kann das sein. 

Ich will nichts von all dem wissen. Ich weiß, ich bin in der Lage, immer weiter von diesem Moment fortzuschreiten - mit Bauchschmerzen zwar, anfangs, aber sicheren Schrittes und irgendwann auch wieder beschwingt - und mit jedem Tag leichter zu werden. Auf gar keinen Fall will ich in diesem Prozess des Fortschreitens plötzlich straucheln durch irgendeine dieser Informationen. Ich will vergessen, dass du als lebender, atmender, schmerzender Mensch zur gleichen Zeit wie ich existierst, bis du wieder so weit geheilt bist, dass du den Kontakt zu mir suchen kannst.

Ich will all das aus dir herauspressen. Ich will dich an einen Stuhl fesseln und mich einen Zentimeter vor deinem Gesicht platzieren und dich anschreien: ICH HABE DICH SO FUCKING DOLL GELIEBT UND ICH WERDE DICH IMMER LIEBEN ABER WARUM BEGREIFST DU DENN NICHT DASS ICH DAS HIER NICHT KANN UND DASS BEZIEHUNGEN ALLES ABER AUCH ALLES KAPUTT MACHEN DENN JETZT WILLST DU MICH NIE WIEDER SEHEN ABER ICH WOLLTE DICH WIRKLICH HEIRATEN ICH WOLLTE EINE TOCHTER MIT DIR DIE MATILDA HEISST ICH WOLLTE MIT VIERZIG VON DER ARBEIT NACH HAUSE KOMMEN UND DICH FRAGEN WIE DEIN TAG WAR ICH WOLLTE DAS ALLES UND ICH LIEBE DIE VORSTELLUNG ABER ICH KANN NICHT ICH KANN NICHT ICH
KANN
NICHT

Meine Freundinnen und meine Mutter, Menschen, die mich lieben und sehr gut kennen, sind skeptisch, aber ich weiß, was ich meine und du bist die letzte Lektion, die ich bereit bin, zu lernen: Ich leiste einen Eid jetzt, einen Eid mit mir selbst. Nie wieder werde ich eine Beziehung eingehen. Nie. Wieder. Wenn es mit dir nicht funktioniert hat, dann war das alles, was ich wissen musste.

Ab jetzt andere Formen von Liebe. Und es gibt derer genug.


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